Ist Ihr Team nicht produktiv genug? Dann gönnen Sie ihm mehr Freizeit!

Nein, das ist kein Witz. Vielmehr ist es ein Trend, der sich immer stärker in amerikanischen Unternehmen durchsetzt und Schritt für Schritt auch in Europa Einzug hält.

 

Ein sehr bekanntes Beispiel, dass beim Stichwort “Freizeit auf Arbeit” häufig zuerst genannt wird, ist der Suchmaschinen-Gigant Google. Fast jeder hat schon einmal Bilder oder Videoaufnahmen aus der prestigeträchtigen Firmenzentrale Googleplex in Kalifornien gesehen, die mit ihren Multicolor-Büros ein wahres Paradies für Angestellte zu sein scheint. Mehrere Kantinen mit erstklassiger Auswahl, Schwimmhalle, Dinosaurierskelette, Spielautomaten, Massagesäle, Billardtische und sogar ein Beachvolleyball-Platz sollen den Mitarbeitern den Arbeitsalltag versüßen.

 

Entsprechend bizarr wirkt diese Vorstellung, wenn man sie mit dem Konzept der meisten deutschen Firmen vergleicht. Hierzulande herrscht in vielerlei Betrieben nach wie vor eine tendenziell eher traditionelle, seriöse Sichtweise des Arbeitsplatzes. Er sollte für das Erbringen der erforderlichen Leistungen passend eingerichtet, bestenfalls modern ausgestattet und zweckmäßig sein. Meist wird mit einer Kantine, Automaten und einem kleinen Aufenthaltsraum für die Grundbedürfnisse gesorgt. Mehr aber auch nicht, denn alles andere ist ja Freizeit. Nicht mit der Arbeit verbunden. Fast schon ein Störfaktor.

 

Doch es gibt sie, jene jungen und vorwärtsgerichteten Betriebe, die einen wichtigen Zusammenhang verstanden haben: Wir sind alle Menschen. Menschen brauchen Freiraum, Ablenkung, Erholung und Ruhe, um all den Stress und Leistungsdruck auszugleichen, der sie am Arbeitsplatz erwartet. Warum also sollte man Mitarbeiter immer bis zum wohlverdienten Feierabend warten lassen, damit sie regenerierenden Freizeitaktivitäten nachgehen können, wenn diese während der Arbeitszeit viel effektiver sind?  

 

Denn in einem Punkt sind sich viele Experten einig: die Integration von mehr Freizeit in einem Betrieb fördert motiviertere, effektivere und glücklichere Mitarbeiter.

 

Was die Freizeit mit den Menschen macht

 

Wir leben in einer Hektomatik-Welt. Alles wird schneller, ständige Erreichbarkeit auf vielen Kanälen, es muss immer mehr geschafft werden. Die Grenze zwischen Arbeitszeit und Freizeit verschwimmt in vielen Professionen zusehends. Laut einer repräsentativen Umfrage der IKK Classic, fühlt sich jeder Dritte auf Arbeit überfordert. Hauptgründe dafür sind Zeit- und Leistungsdruck, fehlende Anerkennung sowie die schwere Vereinbarkeit von Job und privaten Pflichten. Mal eben schnell die Kinder aus der Schule abholen gerät da zum Hürdenlauf.

Die Folgen dieser Belastung schlagen sich je nach Fall und Dauer in vielen Formen nieder, von fehlender Produktivität bis hin zu möglichen berufsbedingten Erkrankungen von Mitarbeitern. Dabei müsste es gar nicht so weit kommen! Durch gezielte Entspannungspausen könnte man den Dauerstress bewusst unterbrechen.

 

So belegte beispielsweise der Wissenschaftler Kevin Eschleman bei einer Studie der San Francisco State University, dass kreative Freizeit Arbeitern dabei hilft, sich von den Strapazen ihres Berufs zu erholen. Durch die Entspannung und das Versetzen des Gehirns in einen ruhigeren Modus werden Kräfte geweckt, die sich dann wieder direkt auf den Arbeitsalltag anwenden lassen. Auf Basis dieser und ähnlicher Erkenntnisse gab es in den letzten Jahren zahlreiche Studien und Pilotversuche zum Konzept der bewussten Freizeit auf Arbeit. Ein einheitliches Ergebnis war, dass mehr Pausen und bessere Möglichkeiten zum Verbringen dieser arbeitsfreien Zeit die Produktivität und Zufriedenheit von Mitarbeitern sichtbar steigerte.    

 

Ebenfalls fiel positiv auf, dass Mitarbeiter durch die gemeinsamen Aktivitäten während solcher Pausen ein stärkeres Gruppengefühl entwickeln konnten. Sie identifizierten sich besser mit dem Unternehmen und der Marke. Die Betriebe wiederum erhielten dadurch ein Instrument, um ideal vom Talent ihrer Mitarbeiter profitieren zu können.

Wie Firmen mehr Freizeit in den Arbeitsalltag integrieren können

Das mit einer Revolution der Arbeitsweise auch neue Ansätze für die Personalpolitik geschaffen werden müssen, ist nahezu selbsterklärend. Gerade im modernen digitalen Zeitalter, geprägt von der Generation der Millennials, ist ein Umdenken gefragt. Mit steigenden Arbeitszeiten und den immer größer werdenden Erwartungen wünschen sich viele Mitarbeiter, dass das Unternehmen im Rückkehrschluss auch seine Verantwortung gegenüber den Beschäftigten steigert. Es sind immer mehr Betriebe, klein und groß, die das Bedürfnis nach einem gesunden Arbeitsumfeld und einer Balance zwischen Job und Privatleben verstehen und sich am amerikanischen Vorbild orientieren. Neue Trend-Begriffe wie “Work Life Integration” oder “Creative Benefits” fallen immer häufiger.

 

Eine Glassdoor Studie aus dem Jahr 2016 hat allerdings gezeigt, dass die eher exotischen Zusatzleistungen nicht langfristig zur Mitarbeiterzufriedenheit beitragen. Stattdessen sollten Firmen sich auf jene Angebote konzentrieren, die ihren Angestellten einen wirklichen Mehrwert bieten. Sprich, statt sofort in ein hauseigenes Yoga-Studio zu investieren, könnten regelmäßige Sportpausen schon den gewünschten Effekt eines besseren Arbeitsklimas erbringen.  

 

Möglichkeiten zur genauen Ausgestaltung gibt es sehr viele, die tatsächliche Wirksamkeit variiert stark. Es ist das Unternehmen selbst, dass hier den ersten Schritt machen muss und bestenfalls die Mitarbeiter sowie professionelle Dienstleister in die Entscheidung einbezieht.

 

Einige dieser Möglichkeiten für die Integration von mehr Pausen und Freizeit in den Arbeitsalltag sind:

 

  • Hausarbeit bzw. Ortsunabhängige Arbeit – Hierbei handelt es sich um einen Trend, der bereits in vielen Teilen der Welt in vollem Gange ist und vor allem in den USA Erfolge feiert. Mitarbeiter erhalten so die Freiheit, sich den Arbeitstag selbst gestalten zu können und auf diese Weise private Belange besser zu organisieren. Nicht unerheblich ist auch der Zeitanteil, der durch lange Anfahrtswege zum Arbeitsplatz eingespart wird.

 

  • Spezielle Modelle für die Arbeitszeit – Gleitzeit, kürzere Arbeitszeiten oder sogar völlig flexible Stundenvorgaben: der übliche “Nine to Five” Bürotag muss nicht zwingend die beste Wahl für ein Unternehmen sein.    

 

  • Informelle Essen – Sei es Frühstück, Mittagessen oder Abendbrot, ein informelles Essen ist immer eine tolle Möglichkeit für Mitarbeiter, aus der Routine auszubrechen. Man tankt Energie, spricht über andere Themen, stärkt die soziale Bindung untereinander.

   

  • Regelmäßige Team-Events – Gemeinsame Unternehmungen lenken nicht nur vom Arbeitsalltag ab, sie stärken zudem den Zusammenhalt und die Interaktion. Ob spannende Live Escape Games, spezielle Indoor und Outdoor Teambuilding-Maßnahmen oder gemeinsame Workshops, jede gemeinsame Aktivität außerhalb des gewöhnlichen Arbeitsplatzes kann erhebliche positive Effekte auf die Produktivität eines Teams haben.

 

  • Geeignete Ausstattung der Büroräume – Das Einbinden von Freizeitphasen in den Arbeitsalltag kann nur unter zwei Voraussetzungen erfolgreich gelingen. Erstens sollten die Rückzugsorte innerhalb des Betriebes entsprechend ausgestattet sein. Die richtigen Möbel und passende Dekoration schaffen eine angenehme Atmosphäre zum Entspannen, die sich von dem Ambiente in den eigentlichen Büroräumen abheben sollte. Zusätzliche Highlights wie Leseecken, Spielautomaten oder gar Tischtennistische können die vorteilhaften Effekte der Entspannung und Ablenkung verstärken. Aber all das funktioniert nur, wenn zweitens auch ein entsprechendes Pausensystem vom Arbeitgeber eingeführt wird. Denn die schönsten Aufenthaltsräume sind zwecklos, wenn der Mitarbeiter sie nur vom Schreibtisch aus betrachten kann.   
  • Sportliche Aktivitäten – Sport ist bekanntlich ein großartiges Mittel, um Stress abzubauen und den Kopf freizubekommen. Entsprechend effektiv könnte das aktive Einbinden von sportlichen Aktivitäten am Arbeitsplatz wirken. Was spricht also dagegen, den Arbeitsalltag durch gemeinsame Bewegung zu ergänzen? Noch dazu, wenn Teamsportarten ausgeübt werden, die den Zusammenhalt der Mitarbeiter festigen.    

 

Dies sind natürlich nur einige von mannigfalten Lösungen für das Einbeziehen von aktiven Erholungsphasen in den Arbeitsalltag. Gerade in großen Unternehmen ist deshalb sogar zunehmend zu beobachten, dass spezielle Abteilungen eigens für die Entwicklung neuer Ideenkonzepte für Incentives eingerichtet werden. Das zu verfolgende Ziel sollte stets ein Ambiente sein, in dem die Sozialisierung unter den Mitarbeitern ermöglicht wird sowie in dem glückliche und zufriedene Mitarbeiter gemeinsam im Team beste Resultate liefern.

 

Die Freizeit im Arbeitsalltag und die Produktivität eines Mitarbeiters sind also keine völlig gegensätzlichen Auffassungen. Im Gegenteil, erholte und glückliche Mitarbeiter steigern die Produktivität eines Unternehmens maßgeblich.